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Rosa Elefanten - Folge 5

  • juliaheyne5
  • Feb 10
  • 3 min read
Mein bester Freund...
Mein bester Freund...

Hinweis: Ich bin keine ADHS-Expertin, alles, was ich darüber schreibe, sind meine ganz persönlichen Erfahrungen.


Seitdem ich es schwarz auf weiß habe, dass ich kein Alien vom Planeten "Chaos-trifft-auf-Drama" bin, sondern ADHS habe, fallen mir immer mehr Verhaltensweisen an mir auf, die wohl meiner Neurodivergenz zuzuschreiben sind. Bei manchen kann ich ohne zu Zögern einen Haken setzen. Konzentrationsstörung? Check! Impulsivität? Check! Probleme, Routinen durchzuhalten? Doppel-Check! Bei anderen finde ich mich dagegen gar nicht wieder. So heißt es, Menschen mit ADHS würden oft zu spät kommen. Ich bin NIE zu spät, sondern habe gefühlt Jahre meines Lebens auf andere Menschen gewartet. Auch den Zappelphillip mit der körperlichen Hyperaktivität sucht man in mir vergebens, ich kann durchaus wie ein Stück Holz auf der Couch liegen und Löcher in die Luft starren.


Und dann gibt es ADHS-relevante Verhaltensweisen, die mir jetzt erst an mir auffallen. Stichwort: Hyperfokussierung. Darunter versteht man "einen Zustand intensiver, oft willkürlicher Konzentration auf hochinteressante Aufgaben, bei dem Zeitgefühl und Umgebung ausgeblendet werden". Es geht also um eine Art "Tunnelblick", den man auf eine bestimmte Aufgabe oder ein bestimmtes Thema richtet. Laut Umfragen kennen viele Menschen mit ADHS diesen Hyperfokus - und der kann zu richtigen Höchstleistungen führen. So ist ein Bekannter von mir, der ebenfalls ADHS hat, absolut auf das Thema Rennradfahren fixiert. Obwohl das lediglich ein Hobby ist, sahnt er bei großen internationalen Radrennen so richtig Lance-Armstrong-mäßig ab (natürlich ohne den ganzen Doping-Hintergrund, mir ist nur kein anderer Radfahrer eingefallen...). Da kann man neidlos zugeben, dass so ein ADHS-Hyperfokus durchaus positiv sein kann. Ich war mir dagegen lange sicher, so etwas nicht zu kennen. Klar gibt es auch mir sogenannte "Flow-Phasen", in denen ich mich auf eine Sache konzentriere und meine Umgebung ausblende, z.B. beim Schreiben. Aber das sind immer eher kurze Momente, den einen großen Hyperfokus habe ich bei mir irgendwie nie gesehen.


Bis ich kürzlich mal etwas genauer darüber nachgedacht habe. Dabei ist mir aufgefallen: Diese Hyperfokus-Themen gibt es in meinem Leben - nur wechseln sie ungefähr so schnell wie das Wetter in den Bergen. Beispiel gefällig? Ich habe Phasen, in denen dreht sich bei mir alles um einen gesunden Lifestyle. Ich lese alles über "Healthy Habits", kaufe Unmengen von Nahrungsergänzungsmittel und horte Berge von Rezepten, die auch nur ansatzweise gesund klingen. Dann nehme ich die Mittelchen, koche die Suppen und nerve meinen Freund mit Sätzen wie "Du weißt schon, wie ungesund es ist, immer so spät ins Bett zu gehen?". Bis ein paar Wochen der Spuk wieder vorbei ist, ich die Mittel in der Schublade vergesse und jeden zweiten Abend eine TK-Pizza esse. Dann kommt die nächste Hyperfokus-Phase. Da dreht sich dann alles um ein ordentliches Zuhause, das aussieht wie aus "Schöner Wohnen" geklont. Ich räume exzessiv auf, miste aus und werde zur Marie Kondo für Arme. Nur oberflächliche Ordnung? Nicht mit mir! Es werden Schränke und Schubladen ausgemistet, neue Deko gekauft und "Staubfänger" gnadenlos entsorgt. Bis auch diese Phase vergeht und das Chaos wieder Einzug hält. Das gleiche gibt es übrigens auch in Sachen eigener Optik. Plötzlich blättere ich mit Elan durch Modezeitschriften, brauche SOFORT einen Friseurtermin und mache mir ernsthafte Gedanken über meine Outfits. Bis auch diesem Hyperfokus die Luft ausgeht, ich morgens wieder zu Jeans und T-Shirt greife und es an manchen Tagen lediglich schaffe, mir die Zähne zu putzen.


Was ich daraus lerne? Bis jetzt noch nicht viel, schließlich ist das ja eine brandneue Erkenntnis. Eine gute Idee wäre, die Fähigkeit zur Hyperfokussierung künftig sinnvoll zu nutzen. Es wäre beispielsweise doch richtig smart, den nächsten Hyperfokus auf Sport zu legen. Dann würde ich - zumindest für eine Phase - in einen Tunnel aus Bewegung abtauchen. Eine intensive Lernphase wäre auch hilfreich, ich könnte so in kurzer Zeit endlich mein Italienisch verbessern, meine Technik-Skills ausbauen oder sonst etwas Sinnvolles lernen. Nur dummerweise geht das nicht so einfach. Denn: Ich suche mir die Hyperfokus-Themen nicht aus, sie kommen zu mir. Ohne dass ich es merke. Ich wache auf - und plötzlich ist der neue Hyperfokus da. Ich fürchte, es bleibt mir also nichts anderes übrig, als abzuwarten, was mich als nächstes ereilt.


Mit etwas Glück ist es ja etwas Sinnvolles. Und falls nicht, dann kommt vielleicht bald mal wieder eine Zeit, in der unser Haus aufgeräumt oder ich top-gestylt bin...




 
 
 

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